Struktur, Dramaturgie, Format: Was man bei Bewerbungsmappen beachten muss

André Sendel sichtet als Personalberater bei Designerdock Düsseldorf täglich Portfolios. Wir sprachen mit ihm über verbreitete Fehler und seine Tipps für Bewerber.



André Sendel sichtet als Personalberater bei Designerdock Düsseldorf täglich Portfolios. Wir sprachen mit ihm über verbreitete Fehler und seine Tipps für Bewerber.

PAGE: Wie wichtig ist die Mappe bei der Bewerbung?

André Sendel: Ein gut strukturiertes Portfolio – ob als PDF oder analog – ist nach wie vor ein guter Türöffner und von den meisten Agenturen erwünscht. Für die Archivierung ist es von Vorteil, seine Arbeiten nicht nur per Link zu teilen, sondern als haptisches Erlebnis oder als Datei einzusenden, die abgelegt und weitergeleitet werden kann.

Also werden Mappen nicht durch Online-Portfolios und Social Media ersetzt?

Online-Portfolios und Social Media sind eine gute Ergänzung – und gerade bei digitalen Arbeiten und Bewegtbild absolut erforderlich. Hier wird jedoch oft vergessen, wie ein gutes Portfolio funktioniert. Es ist eine Präsentationsform, die das Gegenüber führen muss.

Was ist besser: digital oder analog?

Bei Designerdock sind seit Jahren alle Mappen digital. Natürlich gibt es aber auch Situationen, in denen die analoge Form durchaus Sinn macht. Stellt man sich bei einem Verlag oder bei einer Corporate-Publishing- Agentur vor, sollte man sich Gedanken über ein gedrucktes Portfolio machen – und sich Mühe geben. Bloß keine einzelnen oder in Klarsichtfolie gehüllten Blätter! Auch bei klassischen Designagenturen werden analoge Mappen stärker eingefordert als in einer Werbeagentur.

Sollte man vorab nachfragen, in welcher Form eine Agentur die Mappe am liebsten hätte?

Wenn man sich für ein Unternehmen interessiert und sich damit auseinandersetzt, sollte sich die Antwort von selbst ergeben. Nachfragen kommt nicht so gut an.

Gibt es allgemeine Regeln, was man bei einer Bewerbung in einer Werbe-, Design- oder Digitalagentur zu beachten hat?

Formal gibt es große Unterschiede: Im Online-Bereich ist eine eigene Website Pflicht. Designagenturen legen großen Wert auf die Form der Präsentation. In klassischen Werbeagenturen zählen hingegen ungewöhnliche Ideen und Konzepte. Doch bei allen Agenturen geht der Trend in die Richtung, dass die Form eine größere Rolle spielt: Eine gute Idee allein reicht nicht aus; man muss sie auch noch gut darstellen können.

Wichtig ist auch eine Dramaturgie. Welche Muster gibt es da?

Bevor man passende Arbeiten auswählt, muss man sich eine klare Struktur überlegen. Ich finde die Sandwich- Form hilfreich: Zu Beginn und am Ende gibt es die Highlights. Dadurch erzeugt man schnell Aufmerksamkeit und bleibt nachhaltig in Erinnerung.

Welche anderen formalen Regeln gibt es?

Der Betrachter wird müde, wenn er sich durch zu viele Arbeiten blättern muss. Wir raten zu 5 bis 15 Projekten im Portfolio. Das hängt auch von deren Tiefe ab: Bei integrierten Arbeiten mit mehreren Kanälen reicht eine geringere Anzahl. Bei kleineren Elementen können es mehr sein. Es sollten aber insgesamt nicht mehr als 20 bis 30 Seiten sein. Bei großen Projekten muss man klarstellen, welchen Anteil man daran hatte und was man genau gemacht hat.

Als erster Kontaktpunkt ist das Deckblatt sehr wichtig. Die gezeigten Arbeiten sind oft geprägt vom vorgegebenen Thema der Universität oder eines Kunden. Beim Deckblatt kann ich mich selbst präsentieren. Ebenso beim Lebenslauf, der gleich zu Beginn eingefügt sein sollte. Gerade für Grafikdesigner ist es sinnvoll, nicht einfach nur Jahreszahlen aneinanderzureihen. Stattdessen könnte man ihn in Form einer Infografik aufbereiten oder stärker bebildern. Die Arbeiten sollte man nach Bereichen beziehungsweise Medien clustern. Sonst wirkt das Portfolio schnell ziellos und unfokussiert.

Wie wichtig ist die Herleitung eines Projekts?

Die Zeit, die sich Personaler für Mappen nehmen, ist knapp bemessen. Lange Abhandlungen sind da nicht hilfreich. Bei der Neuentwicklung einer Marke ist eine kurze Herleitung nicht verkehrt. Meist reicht aber der Hinweis, dass Arbeit im Hintergrund geleistet wurde – die Einzelheiten kann man anschließend im Gespräch erklären.

Sollen die Arbeiten lieber breit gefächert sein – oder speziell, um den eigenen Stil zu verdeutlichen?

Das hängt von der persönlichen Situation ab: Wenn jemand frisch von der Uni kommt und sich vielleicht noch nicht ganz gefunden hat, ist es ihm nicht vorzuwerfen, wenn er aus jedem Bereich etwas dabei hat. Leute, die mehrere Jahre im Job sind, haben meist ihren Bereich gefunden und da ist es wiederum nicht verwerflich, wenn sie sich darauf fokussieren. Das muss jeder für sich selbst entscheiden – und natürlich auch vom jeweiligen Job oder der Agentur abhängig machen.

Was ist ein No-Go?

Man sollte nie eine Arbeit ins Portfolio packen, von der man nicht 100-prozentig überzeugt ist, da man immer damit rechnen muss, darauf angesprochen zu werden. Alle Personaler stellen kritische Fragen – auch um zu testen, wie kritikfähig der Bewerber ist. Das ist besonders dann schlimm, wenn eine Arbeit echte Schwächen aufweist.


Das Interview ist Teil der Titelgeschichte »Selfmarketing. So gewinnen Gestalter und Developer Aufmerksamkeit & Aufträge« in PAGE 12.14.




Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *

 
 

Das könnte Sie auch interessieren