»Stell dir vor, du wirst überwacht …«

Wenn sich in unseren Tagen Günter Grass oder Hans ­Magnus Enzensberger in Zeitung oder Fernsehen zur aktuellen Lage äußern, weidet das Feuilleton die Worte wer­bewirksam aus, und nach 48 Stunden ist alles verdaut …



Irgendwie leben die deutschen Schriftsteller heute in einer anderen Welt als vor ein paar Jahrzehnten. Wenn sich Heinrich Böll in den 1970er Jahren über die Medien zu Wort meldete, dann beschäftigte uns das in der Schule. Wir schrieben Aufsätze über seine Essays, Filmemacher ließen sich zu Drehbüchern inspirieren, ja sogar Hilfsorganisationen entstanden durch sein Zutun, zum Beispiel der Cap Anamur Deutsche Not-Ärzte e.V.

Wenn sich in unseren Tagen Günter Grass oder Hans ­Magnus Enzensberger in Zeitung oder Fernsehen zur aktuellen Lage äußern, weidet das Feuilleton die Worte wer­bewirksam aus, und nach 48 Stunden ist alles verdaut … gesellschaftliche Nebenwirkungen: nicht messbar. Der Kon­tinent der Literaten und der von uns Normalbürgern scheinen unüberbrückbar auseinandergedriftet zu sein. Die leben in einer anderen Welt.

Ende Februar verteilte Hans Magnus Enzensberger in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« unter der vielversprechenden Headline »Wehrt Euch!« Ratschläge gegen die Überwachung. Die Redaktion heizte die Erwartungen im Intro kräftig an: »Wer sich nicht dauernd mit den digitalen Nachstellungen von Unternehmen und Geheimdiens­ten herumschlagen will, muss nur ein paar einfache Regeln befolgen. Zehn sind es an der Zahl, die Hans Magnus Enzensberger bündig formuliert.«

Was folgte, war im Grunde erwartbar, von einem digitalen Analphabe­ten: »Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg«, heißt es gleich im ersten Satz. Ein solcher Ratschlag ist in etwa so hilfreich wie das »Einfach nicht hingehen …« eines Pazifisten, der auf diese Art einen Krieg vermeiden möchte. Würde ein Arzt gleich die Hand amputieren, wenn das Nagelbett entzündet ist?

In diesem Sinne predigte Enzensberger munter weiter: zur Bank gehen statt online überweisen, Kreditkarten einmotten, Privatfernsehen abschalten, Social-Media-Kanäle ignorieren. Einzig Punkt 6, der sich mit der Gleichgültigkeit der Politik gegenüber unser aller Überwachung beschäftigt, barg politischen Sprengstoff, weil er als Aufforderung zum Nichtwählen verstanden werden kann.

Unsere Väter, für die Zeitung und öffentlich-rechtliches Fernsehen noch leicht verständliche, transparente Medien waren, können uns nicht weiterhelfen in dieser vernetzten, hochtechnisierten Welt. Nur wer selbst nie den Nutzen des Netzes erlebt hat und lieber schreibt als telefoniert, kommt auf die Idee, uns das Kappen aller Kommunika­tions­-kanäle als Erlösung zu verkaufen. Man muss nicht näher begründen, warum eine solche Isolation weder in persönli­cher noch in volkswirtschaftlicher oder politischer Hinsicht wünschenswert erscheint.

Doch wer kann uns aus dem Dilemma herausführen? Leider nur wir selbst, denn weder Politik noch Wirtschaft haben ein gesteigertes Interesse an unserer digitalen Privatsphäre. Aber wer sich wachen Auges im Netz bewegt, kann mit simplen Methoden die Schnüffelei der Datensammler effizient eindämmen, seine Spuren im Netz zumindest schwer auffindbar machen und seine Daten schützen.

Plug-ins für die Webbrowser Internet Explorer, Chrome oder Firefox sind sinnvoll, wenn man stundenlang mit dem Internet verbunden ist. So versucht etwa HTTPS Everywhere, mit allen Websites eine verschlüsselte Verbindung aufzubauen, die schwerer ab­zuhören ist. Die Plug-ins Ghostery und BetterPrivacy vernichten unlöschbare Langzeit-Cookies, mit denen Industrie und Marktforscher unser Surfverhalten ausschnüffeln. Zudem sollte man sich regelmäßig im Browser bei Google, Facebook und Co ausloggen. Zwar ist es weniger komfortabel, wenn uns die Dienstleister nicht jede Frage aus den Augen (= Verhalten) ablesen, dafür verfolgen sie uns weniger mit maßgeschneiderter Werbung und Freun­de-Empfehlungen.

Die E-Mail-Dienste posteo.de und Hushmail legen gesteigerten Wert auf Datenschutz und Privatsphäre. Der Ser­ver­zugriff erfolgt bei ihnen grundsätzlich über verschlüsselte TLS(Transport Layer Security)-Verbindungen. Wer selbst und mit anderen auf dem iPhone Textnachrichten versendet, kann das mit zwei Schlüsseln gesicherte Bordwerkzeug Nachrichten statt WhatsApp verwenden.

Auch unsere Hardware sollte auf höchste Sicherheitsstu­fe gestellt sein: verschlüsselte Back-ups, Firewall, Passwortschutz, wo immer es geht, und verstecktes WLAN … Nur ein paar Maßnahmen, die wir vor einem Jahr vielleicht etwas lockerer sahen als heute, fast ein Jahr nach Snowden.




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