So wenig Icons wie möglich – aber nicht weniger

Was es bei der Gestaltung von Icons zu beachten gibt, erläutert Informationsarchitekt Oliver Reichenstein im PAGE-Interview.



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Oliver Reichenstein hat ein gespaltenes Verhältnis zu Bildzeichen. Hier erklärt der Gründer des Design- und Digitalagenturnetzwerks iA, warum er dennoch mit ihnen arbeitet und was es bei der Gestaltung von Icons zu beachten gibt.

Was haben Sie gegen Icons?
Oliver Reichenstein: Als Informationsarchitekt ma­chen mir Icons mit ihrer Mehrdeutigkeit das Leben schwer. Eine Lupe kann für »Suchen« oder »Vergrößern« stehen. Gebräuchliche Icons erschließen sich im Kontext: Wenn die Lupe an ein Eingabefeld gekop­pelt ist, bedeutet sie »Suchen«, auf ei­ner Werkzeug­leiste »Vergrößern«. Bei ungewöhnlichen oder schwer darstellbaren Funktionen sind Icons nutzlos.

Sind Sie also ein Verfechter von Textlabels?
Wollte man bloß informieren, müsste man immer auf die Beschriftung setzen. Aber der Mensch will auch auf der Gefühlsebene angesprochen werden. Versuchsweise haben wir bei unserem Texteditor iA Writer einmal die Symbole entfernt. Bei Nutzer­tests mit und ohne Icons zog aber eine deutliche Mehrheit die Variante mit Icons vor. Der Verstand wählt das Wort, das Herz spricht besser auf das Icon an. Symbo­le reichern das Interface an, sie machen es hübscher, wärmer, menschlicher. Es lässt sich mit ihnen über eine unsaubere Informationsarchitektur hin­weg­täu­schen. Das rächt sich aber doppelt. Besonders gefähr­lich ist es, in einer frühen Phase der UI-Entwicklung Icons zu nutzen, denn sie gaukeln auch den Gestaltern eine trügerische Vollkommenheit vor.

»Der Mensch will auch auf der Gefühlsebene angesprochen werden«

Woran liegt es, dass ein Icon unverständlich ist?
Apples Icon für »Share« ist eine Box mit dem Pfeil nach oben. Am Anfang wusste niemand, was es zu bedeuten hat. Wenn Apple oder Facebook Symbole erfinden, ist es etwas anderes, als wenn es der Hundesalon Tony tut, sie können Standards durchsetzen. Doch auch sie scheitern, zum Beispiel am Zeichen für »Kopieren« und »Einfügen«. Dafür hat sich bis heute kein Icon etabliert, weil es schwierig ist, diese textlich sehr deutlich beschreibbaren Vorgänge bild­lich darzustellen. Für »Kopieren« könnte man vielleicht eine Kamera wählen, aber sie hat auf dem Smartphone schon die Bedeutung für »Fotografieren«. »Einfügen« ist noch schwieriger – wie stellt man das bildlich dar?

Riskant sind unverständliche Icons im Automobilbereich, denn sie können zu Unfällen führen. Was Audi oder Volvo jedoch nicht davon abhält, ihre eige­nen Icon-Sprachen zu entwickeln. Sie denken, der Fahrer wird sie in der langen Lebenszeit seines Autos schon lernen. Dagegen spricht, dass er im Extremfall, etwa bei Überhitzung des Motors oder dem Ver­lust von Bremsflüssigkeit, das Icon sehr schnell entziffern können muss, sonst wird es gefährlich.

Man kann also nicht erwarten, dass Nutzer Icons lernen?
Nein, man sollte sich tunlichst auf Zeichen beschrän­ken, die in der betreffenden Benutzergruppe bekannt sind. Oftmals überschätzen Gestalter auch die Klarheit ihrer Icons. Dass Nutzer sie unentzifferbar finden könnten, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Deshalb heißt es, auch und gerade bei Icons: vorher testen! Da das Zeit und Geld kostet, wird es leider gerne vernachlässigt.


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Was muss man bei der Gestaltung von Icons noch beachten?
In einem vordefinierten UI-System wie iOS, Mac OS, Windows oder Android sollte man sich einfach an die Vorgaben halten. Wer eigene Bildzeichen braucht, muss viel Zeit in die Wahl des Bilds und die Genauig­keit der Zeichnung investieren. Diese Zeit hat man in vielen Projekten nicht. Dafür wird lieber Energie ver­­s­chwendet, die Icons der Markenästhetik anzu­pas­sen, was meist wiederum auf Kosten ihrer Klarheit geht. Will man ein ganzes Icon-Set gestalten – weil es Spaß macht oder weil der Kunde dies wünscht –, sollte man sich von Anfang an bewusst sein, dass man sich damit auf ein ähnliches Abenteuer einlässt, wie wenn man eine Schrift ausbaut. Ich würde dringend davon abraten, allzu eigenwillig zu werden.

Ihre Empfehlung in Kurzform?
Immer auf den Zusammenhang achten und so wenig Icons wie möglich einsetzen – aber nicht weniger! Grundsätzlich gilt: Je einfacher und aufgeräumter die Gestaltung, desto essenzieller wirkt sie. Wenn man es übertreibt, führt der Minimalismus in eine unangenehme Unschärfe. Aus der Informationstheorie weiß man: Damit eine Nachricht klar ist, bedarf sie der Wiederholung. Wiederholung stabilisiert das Sig­nal. Das Bestreben in der Gestaltung, jede Redun­danz zu vermeiden und alles bis auf ein Allergerings­tes zu reduzieren, hat seine Grenzen. Minimalismus bis zum Gehtnichtmehr macht das Design schwer bis unverständlich. Wenn wir hier alle Vokale streichen würden, wäre diese Aussage zwar noch entzifferbar, sie würde dadurch aber nicht essenzieller, sondern unleserlich und verknorzt.

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Oliver Reichenstein startete eine Versuchsreihe mit den Menüs in Safari: mit Icons, ohne Icons und mit gruppierenden Textlabels. Er fragte seine Follower: Welches Design ist klarer? Welches einladender? Eine heiße Debatte folgte – ohne eindeutigen Sieger.

 

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Icons sind ohne Erklärung oft rätselhaft, Textlabels allein zu emotionslos. User bevorzugen die Kombination

 

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Autohersteller (hier Audi) entwickeln gleich ganze Icon-Sprachen. Offenbar gehen sie davon aus, dass der Fahrer sie in der langen Lebenszeit seines Autos schon lernen wird – oder ihre Bedeutung im Handbuch nachschlägt

 




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