So geht’s nach Hollywood

Seit April 2015 wohnt Digital Designer Till Nowak mit seiner Familie in Hollywood. Wir sprachen mit ihm über den Weg zur Green Card, über riesige Digital-Budgets und seine Regiepläne.



Till Nowak, Foto: Claus Friede, Hamburg
Foto: Claus Friede, Hamburg

Sein Hamburger Homeoffice hat Till Nowak unter anderem gegen die Marvel Studios eingetauscht, die mit Filmen wie »Guardians of the Galaxy« oder »The Avengers« einen Blockbuster nach dem anderen drehen. In der Kantine der Studios, wo man unter blühendem Bäumen mit Oscar-Preisträgern wie Artdirektor Dan Hennah (»Der Herr der Ringe«) Poké, das hawaiianische Sushi, isst, 
haben wir ihn getroffen.

PAGE: Wie hast du es nach Hollywood geschafft?

Till Nowak: Indem ich mit meinen Arbeiten auf 
vielen Events präsent war. 2005 habe ich beim AFI Fest mit meinem Kurzfilm »Delivery« zwei Preise gewonnen, und sofort kamen Anfragen von den Studios. Fünf Jahre später habe ich bei Sony Pictures an dem Animationsfilm »Arthur Christmas« gearbeitet und für einen Monat in Venice gewohnt; ich bin jeden Morgen zum Strand gegangen und habe richtig Lust bekommen, hier zu leben. (Kurzfilme und Showreel gibt es auf framebox.com)

Dann sind doch noch ein paar Jahre vergangen.

»Für die Green Card kann man sich als Künstler, Wissenschaftler oder Manager in der Kategorie »Alien of Extraordinary Ability« bewerben«

Ganze fünf Jahre. Unser Kind wurde geboren, ich habe den Kurzfilm »Dissonance« gedreht, dann 
haben wir begonnen, uns um Visa zu kümmern. Da man mit einem Arbeitsvisum von einem Auftraggeber anhängig ist, musste es schon die Green Card sein. Dafür kann man sich als Künstler, Wissenschaftler oder Manager in der Kategorie »Alien of Extraordinary Ability« bewerben. Man muss Auszeichnungen, Artikel über sich und am besten auch Empfehlungsschreiben aus den USA vorlegen, die zeigen, dass man über besondere Fähigkeiten verfügt. Ein Jahr lang habe ich alles zusammengesucht und hatte am Ende 300 Seiten Belege. Dazu 50 Seiten Argumentation vom Rechtsanwalt. Wird man akzeptiert, dauert es aber noch mindestens ein Jahr bis zum Umzug. Notwendig sind polizeiliche Führungszeugnisse, Gesundheitstests, Impfungen – zuletzt gibt es ein Interview beim US-Konsulat. Da hängt man ein Jahr ganz schön in der Schwebe und kann keine großen Projekte mehr annehmen.

Und wie ging es dann in Hollywood los?

Wir waren gerade eine Woche hier, als Marvel anrief. Drei Monate später fing ich dort im Art Department an, nachdem ich vorher kleinere Jobs hatte. Es war nicht nur ein Glücksfall, an diesen Job zu kommen, sondern darüber auch in die Union, die Gewerk
schaft hier, eintreten zu können.

Ist das so wichtig?

Absolut. Schon in den Anfängen von Hollywood haben sich einzelne Berufsgruppen zusammengeschlossen, um für Tarifverträge, Urlaub oder Mindestlohn zu kämpfen. Ist man in der Union, beginnt er für Illustratoren zurzeit bei circa 2300 Dollar die Woche, nach oben hin offen. Entscheidend aber ist, dass die Studios nur Union-Mitglieder beschäftigen dürfen. Ich kenne brillante Designer, die seit Jahrzehnten in L. A. arbeiten, es aber nie hineingeschafft haben. Denn man kann sich nicht bewerben, sondern nur durch ein Studio hereingeholt werden, und das ist kompliziert. Um einen Nicht-Union-Designer anzustellen, muss das Studio zunächst alle verfügbaren Union-Mitglieder anfragen, und erst wenn 
alle den Job ablehnen, dürfen sie dich nehmen. Da muss es in dem Studio schon jemanden geben, der deinen Stil unbedingt haben möchte. Deshalb ist es wichtig, Kontakte zu knüpfen und am besten vorher schon mit Leuten aus der Gewerkschaft gemeinsam an freien Projekten zu arbeiten, die sich dann an 
einen erinnern, wenn ein Union-Job zu vergeben ist. So war das bei mir.

Wie groß ist denn die Gewerkschaft?

Ich bin Mitglied in der Art Directors Guild für Artdirektoren, Produktionsdesigner und Illustratoren. Die ist sehr beliebt, weil sie alle großen Hollywoodfilme und TV-Produktionen bedient und nur etwas mehr als 2000 Mitglieder hat. Es geht fast familiär zu, man trifft sich bei unterschiedlichen Projekten immer wieder.

Warum wolltest du unbedingt nach Hollywood?

»Ich habe im Alter von 15 mit 3-D-Animationen begonnen, damit konnte ich in meinem Kinderzimmer hollywoodartige Szenerien bauen«

Ich war schon als Kind gefangen von der Magie des Kinos und wollte selbst diese Illusionen und Emotionen erzeugen. So habe ich im Alter von 15 mit 3-D-Animationen begonnen, damit konnte ich in meinem Kinderzimmer hollywoodartige Szenerien bauen. Zugleich bin ich geprägt von Kunst und Kultur, weil ich in einer Künstlerfamilie großgeworden bin. Vom Spielen bin ich direkt ins Arbeiten hineingerutscht, in meine kleine Firma mit eigenen Kunstprojekten. Und was im digitalen Bereich State of the Art ist, kommt aus Hollywood. Dort ist »Alien« mit HR Gigers alptraumhaftem Vieh entstanden, Christopher Nolans »Inception«. Und vor allem auch David Finchers »Fight Club«, der mich Ende der 90er stark beeindruckt hat. Schon im Intro zeigt er, wie genial sich digitale Technik anwenden lässt, wenn man durch die Gehirnsynapsen fliegt, raus aus dem Mund, den Pistolenlauf entlang und rein in die Szene, was ein versteckter Hinweis auf den Clou der Story ist.

Hat man hier technisch mehr Möglichkeiten? Schließlich arbeiten alle am Computer.

»In Deutschland gibt es gar keine Filme, die so aufwendig produziert werden«

Die Software ist die gleiche. Aber weil man in den Studios schon mal 100 Millionen Dollar nur für die Gestaltung und die digitalen Bilder eines Films bereitstellt, gibt es mehr Möglichkeiten. Bei Marvel arbeite ich gerade mit dreißig Leuten im Art Department, wir gestalten den ganzen Film, entwerfen Tausende von Bildern, und am Ende sieht nichts mehr so aus wie die erste Idee. In Deutschland gibt es gar keine Filme, die so aufwendig produziert werden.

Und arbeitet man hier auch anders 
zusammen?

Vor Marvel habe ich bei 5D Global Studio in West Hollywood gearbeitet, der World-Building-Firma von Production Designer Alex McDowell, der »Minority Report« gemacht hat. Es ist sehr international, weltoffen, kreativ, und es herrscht eine ganz andere Professionalität. Es gibt zahlreiche Assistenten, alles ist perfekt organisiert und das Tempo viel höher. Gleichzeitig geht es sehr freundlich zu. In Deutschland findet man diese amerikanische Nettigkeit 
ja oft oberflächlich, aber ich muss sagen, dass sie sich gut anfühlt, wenn man in einem Meeting seine Entwürfe vorlegen muss. Alle sind einem erst mal wohlgesonnen, das schafft eine fruchtbare, kreative Atmosphäre, auch wenn man die Sachen am Ende natürlich genauso oft überarbeiten muss.

»Alle sind einem erst mal wohlgesonnen, das schafft eine fruchtbare, kreative Atmosphäre, auch wenn man die Sachen am Ende natürlich genauso oft überarbeiten muss«

Bleibt dabei noch Zeit für eigene Projekte?

Auch wenn es ein Unterschied ist, ob man für jemanden arbeitet oder etwas auslebt, was man in sich hat, finde ich es gut, mal ein ganz normaler Arbeitnehmer zu sein. Alles ist noch aufregend genug. Mein großer Traum aber ist, als Regisseur eigene Filme zu machen; ich habe auch schon verschiedene Outlines geschrieben. Nach meinem Kurzfilm »The Centrifuge Brain Project« (2011) standen die Telefone nicht mehr still. Seitdem habe ich einen Agenten, der wie ich in den Startlöchern sitzt. Irgendwann muss ich also endlich mal starten.


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