Selbstbewusstsein komplett überbewertet. Die wichtigste Eigenschaft für Kreative ist Unsicherheit

Wir sprachen mit Erik Kessels über sein neues Buch »Failed it. How to turn mistakes into ideas and other advice for successfully screwing up«.



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In Ihrem Buch appellieren Sie an Kreative, sich vom Perfekten abzuwenden und stattdessen von Fehlern inspirieren zu lassen. Warum ist das der bessere Weg?
Um zu einer Idee zu kommen, braucht man die Freiheit, verschiedene Denkrichtungen einzuschlagen. Fehler sind da unausweichlich. Das heißt nicht, dass die Idee am Ende nicht perfekt sein kann. Wenn sie es aber ist, dann ist sie wahrscheinlich durch einen störenden Gedanken entstanden oder durch eine Beobachtung, die der Kreative nur machen konnte, weil er seinen Blick in alle möglichen Richtungen gewandt hat.

Mit dieser Haltung arbeiten Sie als Werber und Künstler schon seit Beginn Ihrer Karriere. Warum kommt das Buch gerade jetzt?
Durch die digitalen Werkzeuge, die uns heute zur Verfügung stehen sind die Oberflächen, die im Design entstehen, fast schon ekelhaft perfekt geworden. Nehmen wir die Architektur. Da sehen viele Renderings besser aus als die echten Gebäude. Warum? Weil die Gestalter handwerklich auf einem ganz anderen Level ansetzen. Um es metaphorisch zu sagen: Sie wissen, wie man den Vorgarten schönmacht, waren aber nie im Hinterhof, haben nie experimentiert und dadurch auch kein Gefühl dafür, was funktioniert und was nicht.

Der Designprozess hat Ihrer Meinung nach also an Bedeutung verloren, was dazu führt, dass die visuellen Oberflächen zu glatt werden.
Ich weiß nicht, ob der Prozess an Bedeutung verloren hat, aber er hat sich natürlich stark verkürzt. Man kann sich heute extrem schnell mit den verschiedenen Programmen vertraut machen und ist als Designer oft schon mit Anfang 20 auf der Spitze seines Könnens. Jedenfalls wirkt es bei vielen so. Tatsächlich reicht es aber nicht, Dinge auf Abruf schön zu machen und die perfekten Ergebnisse der Öffentlichkeit zu zeigen. Man muss als Kreativer auch seinen eigenen Stil finden und herausbekommen, wie man überhaupt arbeiten möchte. Das schafft man nicht ohne Fehler zu machen und Fehlern zu begegnen.

Was ist denn Ihr bisher größter Fehler?
Das werde ich so oft gefragt. Aber es geht mir gar nicht darum, zu erzählen, wo ich mal richtig abgefucked habe oder für was ich mich schäme. Und übrigens auch nicht darum, zu erklären, wie man aus Fehlern lernen kann. Denn das würde ja implizieren, dass der Fehler an sich etwas Schlechtes ist. Was ich sagen will: Es ist gut, im Denkprozess Fehler zu machen. Perfektion ist kein guter Ausgangspunkt für Ideen.

Das hört sich gut an. Aber funktioniert es im Alltagsgeschäft?
Kunden wollen von ihren Kreativpartnern perfekte Arbeit. Ich finde schon, dass man auch in Kundenmeetings Fehler zulassen darf. Wenn man richtig damit umgeht, kann das sogar zu einem besseren Verhältnis zwischen den Beteiligten führen. Viele Auftraggeber verstehen es auch, wenn man anruft und ihnen erklärt, dass es Ideen gibt, die sehr schnell und welche die weniger schnell kommen und dass man zwei Tage mehr Zeit braucht. Wenn es nicht darum ginge, etwas Neues zu kreieren, könnte es der Kunde ja auch selbst machen.

Wenn es nicht darum geht, aus Fehlern zu lernen. Kann man denn wenigstens lernen, Fehler als etwas Positives zu sehen?
Ja. Dafür muss man aber einige gelernte Verhaltensweisen ablegen. Selbstbewusstsein ist zum Beispiel komplett überbewertet. Die wichtigste Eigenschaft für Kreative ist Unsicherheit. Außerdem muss man bereit sein, etwas Peinliches zu tun – Idioten haben oft die besten Ideen.

Was bedeutet das ganz konkret für den Arbeitsalltag eines Gestalters? Wo finde ich die Fehler, die mich inspirieren?
Jenseits der eigenen Zunft! Jahrbücher von Designwettbewerben bringen dich nicht auf Ideen – aber vielleicht ein altes Handbuch mit Garagen oder ein Baum. Wenn du nicht zu den wenigen Menschen gehörst, die am Laptop kreativ sein können: Klapp ihn zu und geh spazieren. So kannst du die Informationen, die du für eine Aufgabe brauchst, im Geiste mit dem kombinieren, was du in deiner Umgebung siehst.

Haben Sie den Eindruck, junge Kreative sind heute offen für Ihre Haltung?
Ja. Ich empfinde unsere Zeit als sehr positiv. Wenn ich von digitalen Werkzeugen spreche, die die Gestaltung allzu perfekt macht, dann soll das auch auf keinen Fall nostalgisch klingen! Die Frage ist, was wir daraus machen. Die technologische Entwicklung, die wir in den letzten Jahren durchgemacht haben, betriff ja nicht nur die Gestaltung selbst, sondern auch unsere Arbeitskultur. Es ist heute viel einfacher als vor 20 Jahren, sein eigener Boss zu sein oder eine kreative Company zu gründen.

Sie selbst haben KesselsKramer 1996 zusammen mit Johann Kramer gegründet – zwei Kreative statt ein Partner fürs Geld und einer für die Ideen, kannte die Branche damals kaum. Sie haben also schon in Ihre Gründung eine Art Störfaktor eingebaut. Aber: Können Sie nach so langer Berufserfahrung überhaupt noch Fehler machen?
Natürlich wird man nicht mehr so schnell nervös, wenn man eine Idee entwickeln soll. Aber es ist mein Job, alle Gedanken zuzulassen, auch die peinlichen. Ich gehe im Geiste durch Räume voller Klischees, bis sich ein Raum auftut, der sich als fruchtbare Umgebung für eine Idee entpuppt. Dabei fühle ich mich manchmal sehr unerfahren und das ist auch gut so. Schließlich gibt es für eine Idee kein Formular.


Mehr zum Thema »Wie man lernt, Fehler zuzulassen« lesen Sie in PAGE 12.2016.

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