Schaffen wir das?

Jürgen Siebert über die Stimmungsmache in den sozialen Netzen.



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© Norman Posselt

 Was ist los mit den Debatten im Netz? Kann man Facebook-Kommentare überhaupt ernst nehmen? Finden in Blogs eigentlich noch konstruktive Streitge­sprä­che statt? Warum schimpft Til Schwei­ger: »Verpisst euch von mei­ner Seite«? Wieso empören sich Hunderte von Vegetariern über einen Dirk Nowitzki, der im Bank-Werbespot eine Scheibe Putenwurst verspeist? Ist das Internet völlig übergeschnappt?

Es geht um mehr als das Internet. Die Stimmungsmache in den sozialen Netzen ist zu einem erfolgreichen Mo­dell für den realpolitischen Diskurs der Gegenwart geworden. Der Troll hat nun den Cyberspace verlassen, um am Red­ner­pult unter »Usernamen« wie Pegida, Viktor Orbán oder Donald Trump zu polarisieren. Die US-Twitterin Rachel Goldberg (@mamasnark) beschreibt das »Phänomen Trump« mit 140 Zeichen: »Im Prinzip ist Trump einfach nur eine Mensch gewordene Kommen­tarspalte, die fürs Präsidentenamt kandidiert.«

Für Sascha Lobo liegt die Übermacht der Troll-Kommentierer in der Gunst des Moments. »Internetkom­men­tare werden viel gelesen und oft verbreitet, wenn sie eine Zuspitzung so formulieren, dass sie den Geschmack der Netzmasse treffen.« Dies sei die ein­zige Triebfeder. Es gebe kein Wahr oder Falsch, keine Recherche, kein Ab­wägen, es zähle allein der Augenblick der Rezeption. Auf populistische Po­li­tik bezogen, heißt das: Kommunika­tion ohne jede Verantwortung für Ver­gan­gen­heit, Zukunft und die Folgen.

Wie kommen wir aus den dunklen Zeiten des Meinungsaustauschs wieder heraus? Jedenfalls nicht dadurch, dass sich besonnene Menschen zurückziehen. Leider verstärken die Medien das negative Image des Netzes, in­dem sie lustvoll die Dumpfbacken-Kommentare aus Facebook zitieren, aber die klugen Worte übersehen, weil die Suchmaschinen nur den populisti­schen Müll nach oben spülen.

Eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass sich die klugen Köpfe im Land immer noch mehrheitlich über Printmedien, Fernsehen und Radio zu Wort melden. Das Netz erlaubt es, schnell zu reagieren, und dass man als Autor unmittelbar ei­ne Diskussion auslöst, hat seinen Reiz. Doch man muss die Nerven haben für solche Ausei­nan­der­­set­zun­gen. Profis können das, Quereinsteiger (wie Til Schweiger und der Rest von uns) verlieren rasch die Nerven, weil sie nicht trainiert sind, weil es eine Schweinear­beit ist, den Trollen Kontra zu geben.

Auch die Entwickler der App Hitlist, mit der man Billigreisen finden und buchen kann, haben jüngst die Ner­ven verloren. Als Hitlist 2013 erschien, bekamen die drei Gründer aufmunternden Rückenwind. Sie wurden von Experten gelobt, und die User vergaben 5 Sterne in den Stores. Doch leider kehrten nur 5 Prozent wieder zur App zurück. Die Investoren schlugen vor, die Nutzerbasis mit Facebook Ads zu vergrößern. Doch der Hitlist-Chefstra­tege Tarun Mitra trat auf die Brem-se: Wenn du ohne Kundenbindung in Wachs­tum investierst, leihst du dir User, anstatt sie zu gewinnen.

»Don’t Listen to Your Users«

Also wurde Version 2.0 von Hitlist komplett umgeschrieben. Das Echo der Erst-User war vernichtend. Das frus­trierte die Entwickler. Doch als sie das Nutzerverhalten näher betrachteten, waren sie überrascht: 42 Pro­zent konsultierten die App mit einem Mal regelmäßig. Und seither lohnt es sich auch, in die Vergrößerung der Nut­zer­basis zu investieren. Unter der Headline »Don’t Listen to Your Users« pub­lizierten die Hitlist-Gründer ih­re Erkenntnisse auf der Plattform Medium. »Der User hat immer recht … doch viel wichtiger als das, was er sagt, ist, was er macht. Natürlich interessiert uns die Kunden­meinung, aber das Tun wiegt schwe­rer …« Big Data statt großer Worte.

Übersetzt in die Welt der Politik, heißt das: Egal, was die Wähler in Mei­nungsumfragen äußern, am Ende ist entscheidend, wem sie ihre Stimme ge­ben. Lässt sich die aufgeheizte Stimmung – im Netz und in Europa – alleine durch das Auseinanderdriften von Wort und Tat erklären? Marine Le Pen und der Front National konn­ten bei den Regionalwahlen in Frankreich gerade noch gestoppt werden. Doch die Gewalt gegen Flüchtlinge ver­bietet ein vor­schnelles Ja als Antwort auf diese Frage. Vielleicht müssen wir einfach noch mal neu lernen, mit Mei­nungs­freiheit (im Netz) umzu­gehen, Stimmungsmachern entgegen­zutreten und Debatten konstruktiv zu Ende zu führen. Schaffen wir das?




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