re:publica 2015: Erste Highlights

Pussy Riot, der Chef von Netflix, die Zukunft des Storytellung – und die Botschaft, dass Flüchtlinge in Europa unbedingt willkommen sind: die re:publica15 hat begonnen.



Draußen 25 Grad, drinnen Full House. Mit Welcome-Schildern, mit denen die über 6 000 Besucher der re:publica15 ebenso willkommen geheißen wurden, wie die Abertausende Flüchtlinge, die auf der Suche nach Zuflucht nach Europa kommen, dazu auch Edward Snowden, dessen Namen einer des Teams unter sein Welcome geschrieben hatte.

Er sei in Berlin geboren und aufgewachsen, mit einer Mauer, von der die (fast) ganze Welt wollte, dass sie abgerissen wird, sagte re:publica Mitbegründer Johnny Haeusler – und, dass in den 28 Jahren an dieser Mauer weniger Menschen starben, als in den letzten Monaten an der Mauer, die Europa um ihren Kontinent errichtet hat.

Unter dem Titel Finding Europe geht es bei der 9. re:publica (5.-7.5.) um eben dessen Zukunft, um Flüchtlingspolitik und Projekte wie Cucula, einer Ausbildungsstätte in der Flüchlinge Möbel-Klassiker bauen, es geht um die Zukunft der Stadt, des Lernens und vor allem auch des Teilens – und vor allem geht es um die digitale Kultur Europas und darum, welche digitale Rahmenbedingungen in Brüssel gestellt werden und wie eine digitale europäische Gemeinschaft aussehen könnte.

Während Ethan Zuckerman, Direktor des Center for Civic Media am legendären MIT, in seinem mitreißenden Auftakt-Speech darlegte, wie man die politische Frustration, die nicht nur in den USA, sondern auch in Europa herrscht, in eine neue Form von Aktivismus verwandeln könnte, in der das Misstrauen gegenüber dem herrschen System genutzt werden könnte, ein neues zu schaffen – denn schließlich sei der vergebliche Versuch, im Internet neue, durchschlagende Wege politischer Gestaltung zu etablieren, eine der größten Enttäuschungen der letzten 20 Jahre. Konkret könnten Verschlüsselungssysteme zum Schutz der Privatsshäre ebenso dazu gehören wie die Elektrocar-Visionen von Tesla.

Eine ganz andere Vision verfolgt die Emblematic Group von Nonny de la Pena, die Virtual Reality als neue journalistische Form eingesetzt. Das Oculus Rift auf der Nase, wird man Teil von Ereignissen wie der Folterung arabischer Gefangener durch das britische Militär, ist in Guantanamo vor Ort, erlebt mit, wie ein an Diabetis erkrankter armer Mann in der Schlange einer Armenspeisung in L.A. aufgrund seiner Unterversorgung eine Herzattacke bekommt oder ist bei den brutalen Einsatzen der US-Border-Control an der amerikanisch-mexikanischen Grenze dabei.

Ein Virtual-Journalismus irgendwo zwischen Computergame und Information, der ganz auf Emotion setzt und auf Empathie – und über dessen Informationsgehalt und auch der Grenze dessen, was man »Zuschauern« emotional zumuten darf, anschließend heiß diskuttiert wurde, .

Genauso wie über die Arbeiten von James Bridler, einem britischen Künstler und Publizisten, der sichtbar macht, was sonst unsichtbar bleibt: Er malt die Umrisse von Drohnen aufs Pflaster, koloriert welche Routen die Google Balloons beim Mapping nehmen, erkundet die abseits gelegen Terminals auf Flughäfen wie Stanstead, wo in den Ferienfliegern nachts Flüchtlinge deportiert werden, erforscht anhand von Grundrissen staatliche Genbäude, die man ansonsten nicht fotografieren darf – und deckt so politische Strukturen auf, stellt Fragen, was Staatsangehörigkeit heute bedeutet und die Arbeit von Unternehmen von Frontexwatch.

So riesig der Andrang bei dem Talk von Netflix-Chef Redd Hastings war, der einmal durch seine Erfolgsgeschichte vom Mathe-Pauker zum Netflix-Milliadär führte, erzählte, wie er Blockbuster in die Knie zwang und auch sonst sehr american war, soviel Interesse gab es auch, als Hans Evert, Verantwortlicher Redakteur von Epos über die Zukunft des multimedialen Storystelling sprach – und darüber, welche Herausforderungen es bisher darstellt, da der Produktionsaufwand in wenig Verhältnis zum Ertrag steht.

Ist Multimedia Storytelling, das 2012 mit der Snow Fall Reportage in der New York Times für riesige Euphorie sorgte und das next big thing zu sein schien, vor allem ein Genre, dass denen viel Spaß macht, die die aufwändigen Multimediastories mit Text, Bildern, Grafiken, Filmen und Animationen entwickeln? Oder sind die Nutzer schon bereit für diese neue Sprache im Web?

Epos, ein Magazin für Wissen und Geschichte, das für 4,99 Euro seit dem letzten Jahr als iPad-App im Axel-Springer-Verlag erscheint,  entsteht im einem Art Storytelling CMS für Apps, der Purple Publishing Suite. Titel zu Themen wie Der Erste Weltkrieg, Himmler oder Glück sind bisher erschienen, wurden mehrfach ausgezeichnet und im Apple Store kostenlos im Slider promoted. Dennoch decken die Herstellungskosten die Einnahmen bei weitem nicht sagte Evert, aber sieht trotzdem eine große Zukunft für die neue Web-Erzählsprache, die bisher vor allem im Marketing erfolgreich genutzt wird.

Mit Tools, die immer besser werden und damit die Produktion billiger und auch der Unterstützung im Store. Denn Apple schätzt und unterstützt diese neuen Arten des Storytelling, da diese die Möglichkeiten der Devices so voll ausnutzen wie es sonst nur Videogames tun, gleichzeitig anspruchsvoll sind und dazu das Benefit einer ganz anderen Zielgruppe haben.

Während das erste re:publica Kinderparadies sich leert und der Netflix-Chef sein Publikums mit dem Tipp entließ, dass einer der großen Vorteile kein eigenes Büro zu haben sei, dass niemand merke, wie früh er unter Umständen nach Hause geht, verlagert sich das Geschehen langsam auf das Gelände der Station Berlin hinaus wo Straßenmusiker spielen und zum Crowdfunding in eigener Sache animieren.

 

 




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