Realität und was das Theater mit Design zu tun hat

Erlers Thema: Alle vier Wochen finden in Hamburg die Creative Mornings statt. Nicht Gestalter stellen sich vor, sondern Menschen, die auf andere Weise kreativ sind. Das Maimotto war »Realität« und zu Gast der Theaterdramaturg Matthias Günther.



Creative Mornings Hamburg
© Mitja Schneehage

Frau Funke mag es real. »Wenn ich ein Märchenstück haben möchte, möchte ich natürlich auch einen Märchenwald haben, beispielsweise, und keine Kartonkisten, die übern Beamer mit verschiedenen Farben angestrahlt werden«, sagt sie im Interview mit »Frontal 21«. Lydia Funke (32), seit März AfD-Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt, stört sich am Theater in Deutschland. Zu viele Neuinszenierungen, alles zu weit hergeholt. So stand es dann auch im Programm ihrer Partei vor den Wahlen, Stichwort »Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichtssagender Unterhaltung!«: »Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.«

Es ist schon ein Kreuz mit der Realität (mit dem Theater ja sowieso): Der Märchenwald, per Definition der Wirklichkeit eher fern, soll möglichst realistisch wirken, und Theater, anerkannt mächtige Reflexionsinstanz von Realitäten, ist inhaltsleer und zersetzend, wenn man es nicht sofort begreift. Die Dinge müssen nachvollziehbar sein, sonst werden sie bedrohlich. Das passt zu einer Zeit, in der wir uns auf der Suche nach der Wahrheit in immer höhere Hysteriegefilde aufschwingen, aber feststellen müssen: Es gibt sie ja gar nicht, DIE Realität. Diese gemeinsame Verabredung eines Wahren. Die Basis, auf der wir alle sicher stehen könnten. Stattdessen: tausende Tatsachen, sekündlich, auf allen Kanälen.

Die Wissenschaft ahnt schon lange, dass so ziemlich gar nichts klar ist. Sir Michael Dummett (1925 bis 2011), britischer Philosoph und Logiker, sagt zum Beispiel, dass die Wahrheit einer Aussage unabhängig von der Möglichkeit ihrer Rechtfertigung besteht. Mit anderen Worten: Alles ist irgendwie richtig. Da kriegt der Wutbürger die Krise, und der Populist schreit nach Ordnung. Die Künste jedoch, die sich gern geheimnisvoll geben, durchleben schwere Zeiten.

Matthias Günther, Dramaturg am Hamburger Thalia Theater, sagt: »Wer im Theater zuschaut, ist eigentlich permanent überfordert. Erlebnis, Analyse, Erfahrung, Verständnis, Wahrnehmung und Interpretation durchkreuzen und relativieren sich gegenseitig. Verstehen und Begreifen gewinnen dabei häufig die Oberhand über Schauen und Beobachten. In allem muss eine Bedeutung stecken. Man verlangt eine Aussage oder Interpretation, die man mit nach Hause nehmen kann.«

Spiel und Fantasie stechen die zwanghafte Suche nach der Bedeutung.

Man merkt Günther an, wie es in ihm rumort. Wie er diese Herausforderung annimmt, weil das sein Job ist, und wie er gleichzeitig fast schon flehentlich und mit großem Einsatz von Körper und Stimme wirbt für die Möglichkeiten und die Dringlichkeit von Subtilität, Humor und Raffinesse. Für Spiel und Fantasie als Chance zum Verstehen.

»Theater ist ›als ob‹!«, sagt Günther, »es wird gespielt. Aber es erschafft eine spezielle Wirklichkeit!« Und er erzählt von dem nackten Mann in der Thalia-Inszenierung von George Bernard Shaws »Pygmalion«, der als Initiationsritual entblößt wird, und wie sich die Zuschauer empören – über die Nacktheit, nicht über den klugen Gedanken dahinter, denn: »Der Nackte steht doch gar nicht im Stück!«

Zack! Da ist es wieder! »Die Sinnlichkeit des nackten Körpers muss sofort durch Sinn und Bedeutung gebunden werden!«, donnert Günther. Das Spiel geht weiter. Es wogt hin und her. Die Schlacht ist noch längst nicht geschlagen. Aber der Dramaturg sieht aus wie ein Kämpfer. Frau Funke sollte sich warm anziehen!

Und das nehme ich mit von Matthias Günther: Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, dem macht die Kunst den Kopf wieder auf – für die Realität.

PS: Matthias Günther glaubt übrigens, dass Kinder die besseren Versteher sind. Der Theaterkasper beweise dies. Weit weg von der Wirklichkeit, sei er dennoch die perfekte Identifikationsfigur. Eine komplexe Wahrnehmungsleistung, zu der Erwachsene kaum noch fähig seien.

 

Hier sehen Sie das Video in gesamter Länge:

 

Den vorherigen Creative Morning in Hamburg sehen Sie hier. Die nächsten Sprecher und Termine gibt’s hier!


Erler

Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings im Hamburger designxport veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp.




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