Kreative Berufe: Structural Designer

Welche Oberfläche fühlt sich am besten an? Welches Material ist stoßfest, welcher Verschluss besonders raffiniert? Das sind einige der Fragen, die sich die Tüftler an der Schnittstelle von Gestaltung und Ingenieurskunst stellen.



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Es kommt nicht häufig vor, dass Quereinsteiger ihren Weg in das komplexe Feld des Verpackungsdesigns finden. In der Regel haben sie Industriedesign- oder auch Kommunikationsdesign studiert.

Christopher Wynes jedoch, der heute Kreativdirektor bei der internationalen Markenberatung Landor in Hamburg (www.landor.com) ist, war in der Software-Entwicklung tätig, konzipierte Online-Kampagnen und hatte die digitale Welt irgendwann satt. Er wollte endlich mal wieder etwas in den Händen halten, Materialien fühlen und am Ende dann konkrete Ergebnisse vor Augen haben. Deshalb begann er in einer Agentur in Hannover als Verpackungsdesigner und ist nach und nach ins 3D-Design hineingerutscht.

Wir sprachen mit ihm über seine Faszination für Verpackungen, ihre unterschiedliche Haptik und Formenvielfalt sowie das breite Aufgabenfeld.


Berufsbezeichnung:  Structural Designer, 3D-Verpackungsdesigner
Ausbildung:  Industrie- oder Kommunikationsdesignstudium. Bei Structural Designern mit technischem Schwerpunkt auch Ausbildung als Verpackungs­mittelmechaniker (nach vier, fünf Jahren ist man dann so weit, eigenständig Stanzdaten zu erstellen und produzierbar zu gestalten)
Verdienst (brutto):  Vom Junior mit 30 000 Euro jährlich bis zu 75 000 Euro in einer Director-Position


Was unterscheidet einen Structural Designer von einem »normalen« Verpackungsdesigner?
Christopher Wynes: Im Structural Design sind wir wesentlich technischer orientiert und gehen über die reine Formensprache hinaus. Wir beschäftigen uns mit der Oberflächengestaltung von Verpackun­gen, aber genauso mit deren Sicherheit und Transportschutz. Wir überlegen zum Beispiel, wie man dafür sorgt, dass sie beim Stapeln nicht kaputtgehen. Aber natürlich sind diese Entwicklungsprozes­se eng mit dem Design verknüpft. Entscheide ich mich für eine hochglänzende Chromoptik, würde diese Kratzer bekommen, wenn die Produkte Stoß an Stoß lie­gen. Deshalb prüfen wir Machbarkeiten und setzen sie um, denn die Verpackung muss ja nicht nur gut aussehen, sondern außerdem funktio­nieren. Darüber hinaus sind wir stark in die Produktion involviert, machen uns aber auch Gedanken da­rüber, auf welche Weise man die Marke am besten im Regal präsentiert.

Was macht eine gute Verpackung aus?
Das hängt sehr vom jeweiligen Produkt ab. Neben ih­rer Funktionstüchtigkeit muss eine Verpackung dem Konsumenten Orientierung bieten, sie muss zei­gen, um was für ein Produkt es sich handelt. Gleichzeitig muss sie den Kern der Marke transportieren, den Preis rechtfertigen – und vor allem sichtbar sein, auffallen und sich abheben.

Sie klingen begeistert. Was ist das Spannende an Ihrer Arbeit?
Ich bin ein sehr haptischer Mensch und von Materia­lien und Oberflächen fasziniert. Aber auch von der Herausforderung und der Kunst, auf kleinem Raum viel Information und Inhalt zu kommunizieren. Darüber hinaus ist das Gebiet des Verpackungsdesigns riesengroß und ungeheuer vielfältig.

Und sehr komplex. Arbeiten Sie im Team?
Ja, durchgängig. Wir arbeiten eng mit den 2D-Designern zusammen, auch räumlich. Am Anfang eines Projekts entwickeln wir gemeinsam Moodboards mit möglichen Szenarien für ein Produkt. Es geht um die Fläche für die Gestaltung, wie viel Spielraum wir den Grafikern lassen, aber auch sonst stimmen wir uns ab. Entwickle ich im 3D-Design einen grünen Verschluss, können sie die Farbe vielleicht in der
Typo übernehmen.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, die ein 3D-Designer mitbringen sollte?
Natürlich ist räumliches Vorstellungsvermögen unbedingte Voraussetzung. Aber es ist auch hilfreich, wenn man ein Heimwerkertyp ist, Spaß am Basteln hat und Interesse an Druck- und Produktionstechni­ken. Man ist zwar kein Ingenieur, aber sollte Lust ha­ben, sich mit technischen Innovationen auseinanderzusetzen. Da man viel scribbelt, ist etwas zeichnerisches Talent nützlich. Vor allem aber sollte man neugierig sein. Ich brauche nur eine raffinierte Verpackung in die Hand zu nehmen und frage mich sofort, wie sie wohl gemacht ist.

Sie basteln also auch durchaus mal?
Und zwar öfter, als man denkt. Es kommt vor, dass wir aus einer Modelliermasse, die so ähnlich wie Fimo ist, Modelle herstellen, um ein erstes Gefühl für die Form zu bekommen. Einfach auch, weil das viel schneller geht, als sie in 3D-Computer-Program­men zu entwickeln. Wir scribbeln Modelle an und plotten sie oder lassen aus Papier Formen stanzen. Das hängt immer stark von dem jeweiligen Material ab um das es geht.

Aber Sie arbeiten auch viel am Computer – mit welchen Programmen?
Wir verwenden Illustrator und andere vektorbasierte Programme. Photoshop hilft uns bei der Visua­lisierung von Ideen. Dazu arbeiten wir mit den 3D-Modelling-Tools Rhino, Cinema 4D und AutoCAD sowie mit SketchUp, wenn wir Displays darstellen wollen.

Wird der 3D-Druck Ihren Beruf verändern?
Wir nutzen ja jetzt schon den großen Bruder des 3D-Drucks, die Stereolithografie, um Prototypen zu fräsen. Doch diese Methode ist sehr teuer und zeitaufwendig, da wir sie nicht inhouse erledigen können. Den 3D-Drucker werden wir hier stehen haben, damit wird alles einfacher und schneller gehen. Vor allem aber ermöglicht uns Rapid Prototyping, die Verpackungen sehr viel früher zu prüfen und Fehler zu entdecken. So werden die Arbeiten auf lange Sicht besser und innovativer, da wir einfach mehr ausprobieren können.

Mit wem arbeiteten Sie neben den 2D-Designern am engsten zusammen?
Das kommt immer auf das Projekt an. Aber in der Regel mit den Ingenieuren. Handelt es sich um eine Mineralwasserflasche, ist die Produktion nicht so kom­pliziert, bei einer Haarspraydose kann das schon komplett anders aussehen. Da trifft man sich auch mal mit Maschinenbauern und Werksleitern und spricht mit ihnen die Möglichkeiten durch. Außerdem arbeitet man eng mit dem Kunden zusammen, das heißt, man muss durchaus auch kommuni­zieren können.

Es hört sich aber auch an, als bräuchte man viel technisches Wissen.
Das unterscheidet den Senior Structural Designer von dem Junior. Keiner von beiden muss Ingenieur sein, aber durch die regelmäßige Zusammenarbeit mit den Ingenieuren sammelt man bis zum Senior natürlich jede Menge technisches Wissen an.

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Inwieweit beeinflusst das Ihre Arbeit?
Natürlich sind viele Unternehmen daran interessiert, ihren Carbon Footprint zu reduzieren, und auch wir arbeiten immer stärker daran, dass weniger Müll anfällt und die Abfalltrennung einfacher wird. Zudem werden Biokunststoffe immer wichtiger, auch wenn sie in Deutschland fast unerschwinglich sind. Aber Nachhaltigkeit ist im Verpackungsdesign ein sehr spannendes Gebiet. Finden Deutsche es toll, dass die Zahnpastatube ohne Schutzhülle angeboten wird, bevorzugt man in Asien große Tuben mit opulenten Verpackung, und nur auf den ersten Blick ist die deutsche Variante umweltfreundlicher: Verkauft man Zahnpasta lose, muss der Kunststoff der Tube entsprechend dicker sein, die innere Stoffmembran fester, und das ist nicht nachhaltiger als eine Verpackung drumherum.

Welches sind Ihre liebsten Aufträge?
Wenn die Rahmenbedingungen für uns schwierig sind, wenn wenig Stellfläche am Point of Sale zur Verfügung steht, wenn ein besonderer Handelsplatz gefordert ist und die Fertigungstechnik anspruchsvoll. Das sind Projekte, bei denen man an sämtli­chen Stellschrauben dreht, das Design auf den Markenanspruch trifft und die technischen Prozesse auf das Marketing.

 





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