Kreative Berufe: Creative Technologist

Wie nutzt man die Sensorik eines Smartphones so, dass sich damit in der Luft eine Rennbahn zeichnen lässt? Das ist eine der Aufgaben, bei denen die Technikvisionäre, die an der Schnittstelle zum Design arbeiten, zu Hochform auflaufen.



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Hört man Torsten Sperling dabei zu, wie er über seinen Arbeitsalltag spricht, merkt man schnell, dass ein Creative Technologist mit ordentlich Forschergeist ausgestattet sein muss, bereit, sich beständig auf Neues einzulassen – und durchaus auch mal zu scheitern. Denn im Umgang mit neuesten Spitzentechnologien und auf der Suche nach innovativen Anwendungen, die Interaktionen neu gestalten und die analoge und digitale Welt auf neue Weise verbinden, geht man regelmäßig über die Grenzen des Bekannten hinaus.

Torsten Sperling selbst ist Autodidakt, hat als Programmierer begonnen, später kunstvollen Code für Installatio­nen geschrieben und ist heute Technical Director bei der Digitalagentur Artificial Rome (www.artificialrome.com). Allerdings führen viele Wege ins de­sign­affine Techniklab, das in immer mehr Agentu­ren zu finden ist.


Jobbezeichnung  Creative Technologist

Ausbildung  Spezielle Studiengänge gibt es noch wenige; viele kommen daher zum Beispiel aus der Interaktions­gestaltung. Ein eigenes Bachelorstudium Creative Technology ist mittlerweile an der Universiteit Twente in Enschede möglich (http://is.gd/twenteCT)

Verdienst (brutto)  vom Junior Creative Technologist mit etwa 30 000 Euro bis zu 60 000 Euro jährlich in einer Director-Position


Die Berufsbezeichnung Creative Technologist hört sich sehr vage an. Was versteht man genau darunter?
Torsten Sperling: Lange gab es eine strikte Trennung zwischen den Bereichen Design und Program­mie­rung. Der Designer hat etwas gestaltet und es danach an den Programmierer weitergegeben, der es um­setz­te. Mit der Auflösung dieser Grenzen hat sich der Be­griff »Creative Developer« durchgesetzt, was heißt, dass die Programmierung einen stärke­ren Bei­trag zum Visuellen liefert und das Design teilweise sogar aus der Technik heraus entsteht. Mit dem Versuch, mittels Sensorik, Robotik und allem, was sich für au­diovisuellen Output eignet, über den 2D-Screen hinaus in die reale Welt einzusteigen, ist schließ­lich die Bezeichnung »Creative Technologist« entstanden. Eigentlich besagt diese aber nichts weiter, als dass man kreativ mit Technik umgeht.

Können Sie ein paar konkrete Arbeitsbeispiele nennen?
In der Arbeit »long distance art« für Wien Tourismus hat das Team des Designstudios Strukt zwei Industrieroboter so manipuliert, dass sie in London und Berlin die exakt gleichen Malbewegungen aus­führ­ten wie der Künstler Alex Kiessling in Wien (http://is.gd/longdistanceart). Das ist technologisch ziemlich weit vorne. Wir selbst haben im App-Bereich die Sensorik eines iPhones genutzt, um durch Schwenken des Smartphones die virtuelle »GT Ride«-Rennstrecke für Kia entstehen zu lassen, oder für ein »Weave«-Cover (siehe Ausgabe 03.12) eine klassische Zeich­nung mit einem digitalen Stift umgesetzt und die dabei erzeugten technischen Daten des Stiftes gleichzeitig in der Zeichnung visualisiert. Gerade arbeiten wir an einer Installation, deren Kernstück ein Display ist, das auf Ferrofluiden – das sind Flüssigkeiten, die auf magnetische Felder reagieren – basiert und mittels 600 Elektromagneten in Schwingung und Form gebracht wird (http://is.gd/Ferro_Prototype). Das Spannende daran ist die be­son­dere Haptik, die dadurch entsteht, aber nicht zum Anfassen ist.

Welche Talente und Fähigkeiten sollte man als Creative Technologist mitbringen?
Neugier ist sehr wichtig. Man sollte großes Interesse an technischen Neuerungen haben, auch daran, wie technische Dinge funktionieren – und wie man sie zweckentfremden kann. In Sachen Programmierung sollte man mindestens über Grundkenntnisse verfügen. Konzeptionelles Denken ist außerdem relevant, aber auch spielerisches, weil man immer wieder über die Grenzen dessen, was gerade möglich ist, hinausgehen muss.

Verstehen Sie sich eher als Techniker oder als Kreativer?
Sowohl als auch, das ist wirklich 50 : 50. Kreativität ist insofern gefragt, als man Visionen und Ideen haben muss. Techniker ist man, weil man die nötigen Fähigkeiten braucht, um zu wissen, was möglich ist, und es auch umsetzen können muss.

Arbeitet ein Creative Technologist eng mit Designern zusammen?
Das schon, aber meist erst zu einem relativ spä­ten Zeitpunkt. Überwiegend hat man zuerst die Technologie und weiß noch gar nicht genau, wo man sie anwenden könnte. Das Design entwickelt sich dann in der Regel aus der Technologie und ihren Möglich­kei­ten heraus. Eines der großen Themen der letzten Jahre war natürlich die Kinect. Das war ein Quanten­sprung in der visuellen Sensorik. Aber auch sonst tut sich viel, das für uns interessant ist. Sensoren werden weiterentwickelt, die Auflösung von Kamera­bildern erhöht sich. Vielleicht kommt plötzlich ja ein erschwinglicher Beamer auf den Markt, mit dem man über eine Distanz von fünf Kilometern Bilder in die Wolken projizieren kann. An solchen Techni­ken tüfteln wir dann herum, und gibt es tatsächlich ein konkretes Projekt, beginnt die Konzeptionsphase mit den Designern und gemeinsam entwickeln wir Anwendungen oder Bilder, die wir generieren möchten.

Ist man als Creative Technologist eher Stratege oder Innovator?
Auf jeden Fall Innovator. Die Arbeit dreht sich beständig um Neuerungen, an denen man selbst arbeitet oder die man beobachtet, die Forschung ist ein zentraler Aspekt. Gerade im studentischen Kon­text und vor allem natürlich am MIT, passiert da einiges. Auch in der Community ist viel Bewegung und auf Websites wie CreativeApplications.Net stöbern ebenfalls viele Agenturen herum. Da kommen immer mal wieder Anfragen, in denen man merkt, woher sie ihre »Inspiration« letztlich haben.

Gehört auch die Herstellung von Prototypen zu Ihrem Job?
Klar, Prototypen sind ein sehr wichtiger Bestandteil. Während der Entwicklung der »GTI Ride«-App haben wir einen Monat lang nichts anderes gemacht, als Prototypen zu basteln. Sie sahen zwar nicht besonders toll aus, waren aber sehr praktikabel und vor allem wichtige Grundlage für den Gestaltungsprozess. Bei großen Projekten ist es so, dass man erst mal eine Weile allein mit der Technologie herumspielt und sie anschließend in einer größeren Runde vorstellt – mit Prototypen oder auch in Scribbles oder Zeichnungen.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?
Den gibt es natürlich nicht. Aber in der Regel ist man sehr viel mit Recherche beschäftigt, tüftelt herum, bastelt. Als Creative Technologist bewegt man sich in einem Forschungsfeld, indem eine Menge ausprobiert wird und selbstverständlich vieles auch zu keinem Ergebnis führt, bis sich dann irgendwann eine Idee entwickelt, die dann technisch und auch visuell umgesetzt wird.

Wie startet man als Creative Technologist am besten?
Manche kommen direkt von der Universität und haben Interaktionsgestaltung studiert, andere kommen aus der Elektronik oder der Mechatronik. Wieder an­dere kommen aus dem Design, hatten aber immer schon einen Hang zur technischer Verspieltheit. Pas­sable technische Skills sind generell von Vor­teil. Perfekt muss darin niemand sein, aber wissen, wie man 3D handelt, mit verschiedenen Technologien umgeht und sie mixt.

Arbeitet man eher frei oder fest angestellt?
Da die Anforderungen häufig projektbezogen sind, arbeitet man in der Regel frei. Viele Creative Technologists sind sehr jung und international unterwegs. Sie reisen in Teams um die Welt, haben Projekte in Paris oder Madrid und pflegen ihr Nomaden­dasein. Langsam aber merkt man auch in deutschen Kreativagenturen, wie wichtig die Forschung auf dem Gebiet innovativer Technologien ist und dass man ohne eigene Forschungsabteilung schnell auf der Strecke bleibt. Deswegen machen auch immer mehr Agenturen eigene Labs auf, um den Anschluss nicht zu verpassen.

 

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