Konsumhasen und eine 16-jährige Magazinmacherin: Das war die ADC Design Experience

Zum zweiten Mal fand in Stuttgart die ADC Design Experience statt. Mit vielen unterschiedliche Rednern und einem gemeinsamen Motto: Think Design, Change the World.



Viel Emotion zum Abschluss brachte Neil Cummings von Wolff Olins auf die Bühne - verpackt in eine schicke und viel fotografierte Präsentation
Neil Cummings von Wolff Olins stellte seine Vision des neuen Designuniversums vor

Bestes Wetter und Tape Art begrüßten die Gäste der ADC Design Experience am Donnerstag im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart. Und auf der Bühne wurde sowohl über Designprozesse und die Grundlagen von Design Thinking diskutiert als auch jede Menge tolle und inspirierende Arbeiten vorgestellt.

Den Start machte Jochen Rädeker von Strichpunkt, der auf gewohnt launige Art und mit kantigen Sprüchen und Charts das junge Publikum aufrüttelte und den Tod des CI-Manuals ausrief. Als konkretes und aktuelles Beispiel stellte er das neue Erscheinungsbild von Audi vor, das Strichpunkt gemeinsam mit KMS Team und Blackspace erarbeitet hat und das diese Woche der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

»We want to change the visual language«

Im Anschluss gab Rebecca Swift von Getty Images Einblicke in die Welt der Stockfotografie und welche Rückschlüsse sich daraus auf das Bild der Frau in der Gesellschaft ziehen lassen. Aber statt das ganze nur zu konstatieren, versucht der Konzern, dieses Bild mit zu gestalten – etwa durch die Zusammenarbeit mit Sheryl Sandbergs LeanIn-Initiative (Lean In Collection von Getty). Und tatsächlich lässt sich eine Veränderung feststellen. Zwar ist die Nachfrage nach Klassikern wie »Woman laughing alone with salad« nach wie vor hoch – aber die Suche nach »real bodies« und 40-jährigen starken Frauen steigt exponentiell. Immerhin!

»Pfiffige Ideen sind nicht genug«

Nach Frauenbildern ging es weiter mit Nachhaltigkeit, dem Kernthema von Carsten Buck vom Hamburger Designbüro Mutter. Er hat just das Buch »Zombie Design« veröffentlich, mit dem er Gestalter dazu anregen will, Designs zu machen, die ewig leben – und nicht nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten obsolet sind. Leider erwarteten viele Kunden in Deutschland von Designern nach wie vor nur eine schöne Oberfläche, sodass es für diese oft schwierig ist, etwa bei den Produktionsprozessen mitzureden, so der Designer.

»Unsere Einflüsse sind Graffiti und Hip-Hop«

Ein visuelles Feuerwerk brannten die Designer/Künstler von Quintessenz ab. Tomislav Topic und Thomas Granseuer arbeiten viel mit Farbe, die auch schon mal aus einem Feuerlöscher an die Wand geklatscht wird. Ihre Projekte machen sie sowohl frei als auch im Auftrag von Kunden wie Rossmann und Converse. Der Titel ihres Vortrags lautete denn auch: Design für die Kunst. Nach diesem düsten sie ab nach Leipzig, wo sie live zur Musik des Gewandhausorchesters malten.

Ähnlich wie Quintessenz tickt auch das Künstlerkollektiv Tape Over. Die Taper erarbeiten sich mit Kundenaufträgen in der kalten Jahreszeit die Freiheit, im Sommer auf Festivals frei und experimentell arbeiten zu können. Sie verzierten auch den Veranstaltungsort (siehe Bildergalerie).

»Always look on the bright side of life«

Einen spekulativen Blick in die Zukunft warf Benedikt Groß vom moovel Lab von Daimler. Er und sein Team werden von dem Autobauer dafür bezahlt, sich mit der Mobilität der Zukunft zu beschäftigen – und das ganz frei und ohne konkrete Zielvorgaben. Dabei entstehen Projekte wie Roads to Rome, das wir schon in PAGE vorgestellt haben. Der jüngste Streich vom moovel Lab ist eine Transportbox, mit der Menschen wie Pakete transportiert werden können. Nicht ganz ernst gemeint – aber komplett umgesetzt und mit einem Pseudo-Produktvideo ausgestattet, das für ordentlich Feedback in den sozialen Medien sorgte: box.moovellab.com.

Ebenfalls zukunftsgewandt war der Vortrag von Antje Hundhausen von der Deutschen Telekom, die die Vermischung von Fashion und Technologie thematisierte. Sie stellte die Fashion Fusion Challenge der Telekom vor und kündigte an, dass es 2017 wieder einen solchen Wettbewerb geben wird.

»Aus IQ wird weQ«

Was sich zunächst wie ein Werbe-Vortrag für die HPI School of Design Thinking in Potsdam anfühlte, wurde noch zu einer interessanten Keynote über die Painpoints von Design Thinking: Prof. Ulrich Weinberg sieht die größten Probleme in der Multidisziplinarität. Sowohl seine Studenten als auch gestandene Designer, Ingenieure, Manager etc. seien außerstande, wirklich zu kooperieren. Wir würden schon in der Schule dazu erzogen, in Abteilungen zu denken und statt zusammenzuarbeiten gehe es nur darum, besser zu sein als die anderen. Statt eines IQ müssten wir in der heutigen Welt auf den weQ setzen. Diese Thesen legt er genauer in seinem Buch »Network Thinking« dar.

Sehr speziell ging es beim Vortrag von Frank Heyl zu, dem Leiter Exterieur Design bei Bugatti. Er beschrieb mit großer Liebe zum Detail das Design des neuen Luxus-Sportwagens Bugatti Chiron – bis hin zur Gestaltung der Tacho-Einheiten. Auch wenn er damit nicht den Geschmack aller Teilnehmer getroffen haben mag, so war die Begeisterung für das Detail im Bugatti-Design doch sehr beeindruckend.

»Jede Sekunde Schweigen tut weh«

Beeindruckend war auch die schiere Menge an Arbeiten, die Mirko Borsche in seinen Vortrag zwängte. Kein Wunder: Nach 9 Jahren als Art Director des Zeit Magazins gibt es eben eine Menge zu zeigen. Gut fürs Publikum, dass man sich die einfallsreichen und top gestalteten Doppelcover des Hefts immer wieder gerne ansieht. Borsche hatte diesen Kunden ausgewählt, weil hier die Arbeitsweise etwas außergewöhnlich ist. Seit 5 Jahren arbeitet Borsche nämlich von München aus für das Magazin (sowie Supplements und Line-Extensions der Zeit), ohne regelmäßig in die Redaktionen nach Berlin oder Hamburg zu fahren.

Da in dem Konzern nicht geskypt werden darf (Sicherheit und Datenschutz), halten die Redakteure und Chefs mit Borsche zwei Mal die Woche lange Telefonkonferenzen ab, in denen sie die Themen vorstellen und er die visuelle Idee dazu. Schweigen sei in diesen Gesprächen unvermeidlich, aber immer besonders unangenehm, so Borsche.

»You don’t have to play by the book«

Noch beeindruckender als die »alten Designhasen« war die Editor-in-Chief von Recens Paper, denn die Norwegerin Elise by Olsen ist erst 16 Jahre alt – und gründete ihr Magazin mit 13! Gemeinsam mit ihrem 33-jährigen Art Director Morteza Vaseghi stellte sie das Printheft vor, das sich mit jeder Ausgabe einem Oberthema widmet – und sowohl bei der Distribution, dem Inhalt als auch der Gestaltung viele Regeln bricht. Bei diesem Herzensprojekt folge Elise by Olsen vor allem zwei Grundsätzen: Be different! Und: Stay true to you vision!

Ähnlich emotional ging es mit Neil Cummings von Wolff Olins weiter. Er plädierte dafür, Design mit ganzem Herzen zu machen. »Find the thing that makes you wet in each project«, so sein Tipp. Denn ohne Leidenschaft kämen am Ende nur fade Ergebnisse heraus. Damit sorgte er für genau das richtige Schlusswort der ADC Design Experience!

Weitere Eindrücke von der Veranstaltung bekommen Sie in unserer Bildergalerie:

Übrigens waren bei der ADCDX auch die brandneuen Booklets der PAGE-Initiative Connect Creative Competence zu haben. Wer nicht da war oder keins abbekommen hat: Hier gibt’s alle Inhalte online und zum Download!

 

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