Geld oder Leben

Ab sofort im Handel: PAGE 01.2011



Editorial: Carpe diem

Zeit gegen Geld einzutauschen, das ist der Deal, den wir wohl alle eingehen, wenn wir es in der Kreativbranche zu etwas bringen wollen. Und nicht selten steht unser Einsatz dabei in ei­nem krassen Missverhältnis zum Ertrag. Dennoch: Wir brennen für unseren Job, wir gehen ans Limit.

Mit großer Verwunderung – und vielleicht auch mit einer gehörigen Por­tion Bewunderung – haben wir deshalb auch Mitte des Jahres zur Kenntnis genommen, dass ausgerechnet Alex Bogusky seinen Job hingeschmissen hat. Kaum ein Kreativer hatte uns die viel gepriesene Work-Life-Balance so konsequent vorgelebt wie er. Er hatte sogar extra eine Dependance von Cris­pin Porter & Bogusky im Provinznest Boulder eröffnet. Von dort aus ist es ein Katzensprung in die Rocky Mountains, wo er seiner Leidenschaft, dem Snowboarden, frönte. Nein, es war kein Burn-out. Sein Entschluss war lange ge­­reift und – wie nicht anders zu er­war­ten – einfach nur kompromisslos. Er kehrt der Werbebranche den Rücken.

Freilich, nicht jeder heißt Alex Bogusky, nicht jeder kann sich ein Priva­tier­dasein leisten. Und überhaupt: Ist für uns Gestalter Kreativität nicht ohnehin ei­ne Lebensform? Auch wenn Dead­lines, Meetings und das Erkunden neu­s­ter Technologien uns die Abendstun­den rauben mögen, wir gehen selbst in unserer Freizeit gerne unserer Beru­fung nach. Wir basteln an der eigenen Website, gestalten für Freunde Visiten­karten und probieren neue Sachen aus. Ja, wir haben Spaß an unserem Tun.

Und gerade deshalb sollten wir uns dann doch ein Vorbild an Alex Bogusky nehmen. Nämlich daran, wie er sich immer wieder aufs Neue Freiräume schafft, um weiterhin selbstbestimmt agieren und so letztendlich erst die Kreativität an den Tag legen zu können, die erfolgreiche Arbeit ausmacht. Es lohnt, hin und wieder innezuhalten und über das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Herausforderungen in an­de­ren Lebensbereichen nachzudenken (siehe Titelgeschichte, Seite 20 ff.). Aber bitte nicht zu lange! Bogusky kostete es immerhin 46 Jahre, bis er sich auf dem Heimweg die Zeit nahm und an einer Rose roch, wie er unlängst in seinem Blog gestand.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher

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