Fight the Fake News!

Jürgen Siebert sagt Falschmeldungen den Kampf an.



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Foto: Norman Posselt

Im November wurde »postfaktisch« (post-truth) von den Oxford Dictio­na­ries zum Wort des Jahres erkoren. Eine bittere Enttäuschung für alle, die sich dem Ideal der Aufklärung verpflichtet fühlen, wonach im demokratischen Dis­kurs nur eins zählt: Fak­ten, Fakten, Fakten. Im postfaktischen Dis­kurs dagegen wird gelogen, abgelenkt, verwässert, Tatsachen haben keine Relevanz fürs Zielpublikum (»Lügen­pres­se«). Entscheidend für die Angesprochenen ist, ob die Erklärungsmodelle in ihre Gefühlswelt passen.

Bis zur Brexit-Entscheidung dachte ich, wie vermutlich viele, Fakten zu ignorieren sei eine harmlose Marotte einiger Irrer . . . nicht meine Welt. Seit Trump ist es unsere Welt: »›Postfaktisch‹ hat sich von einem peripheren Begriff zu einem wichtigen Bestandteil in politischen Kommentaren entwickelt«, hieß es in der Begründung der Oxford Dictionaries.

Denkt man an die falschen Prog­no­sen zu Brexit und Trump, scheint selbst die Mathematik den Fakten nicht mehr zu folgen. Und das in Zeiten von Big Data. Aber nicht nur die Meinungsforschung ist kopflos. Richtig erwischt hat es die Medienwelt. Die vierte Macht im Staat hat in nur zwölf Monaten ihre Deutungshoheit verloren.

Facebook, Twitter, Word­Press und YouTube haben die klassischen Medien vom Thron gestoßen. Diese haben das Netz jahrelang unterschätzt und den Teich, in dem sie schwimmen, mit billigen SEO-Metho­den vergiftet. Anstatt die Möglichkeiten der digitalen Technik für einen neuen Journalismus zu nutzen, haben sie ihre alten analogen Geschäftsmodelle mit­tels Clickbaiting quersubventioniert.

Genau diese Strategie haben nun Blogpartisanen in Osteuropa kopiert. Der »Guardian« hat das Dorf Veles in Mazedonien als Brutstätte erfunde­ner Nachrichten ausgemacht. In der Annahme, dass der 18 Monate dauernde US-Wahlkampf im Netz auf weltwei­tes Interesse stößt, wurden dort von einigen Bloggern rund 150 englischsprachige News-Sites aufgesetzt, die alle dasselbe Ziel hatten: mit schmissigen Schlagzeilen amerikanische Facebook-Nutzer anlocken.

So hieß es etwa auf All News About Politics: »Papst Franziskus verbietet den Katholiken, Hillary zu wählen«, Daily Wire titelte die frei erfundene Mel­dung: »Clinton: Trumps Tod wäre gut für die Wirtschaft«. Solche Fake News verbreiteten sich rasend schnell und trieben die Besucherzahlen der Quellen in die Hundertausende. Die auf den Seiten eingespielten Anzeigen warfen schon nach wenigen Wochen Anlaufzeit satte Werbeeinnahmen ab.

Buzzfeed News hat nach Trumps Sieg die soziale Interaktion (Enga­ge­ment) für die zwanzig populärsten Elec­tion-Storys untersucht und festgestellt, dass im Wahlmonat November das Interesse für die Fake News erst­mals das für die echten überstieg: um rund 20 Prozent. Allen voran die vom Political Insider erfundene Geschichte, dass Hillary Clinton Waffen an den IS verkauft habe.

Erst die US-Wahl hat das Silicon Valley wachgerüttelt. Doch Brexit und Trump lassen sich nicht  einfach so wegfiltern.

Inzwischen sind Google und Facebook alarmiert und wollen den Nach­richtenfälschern den Geldhahn zu­dre­hen. Seiten, die unwahre Inhalte ver­breiten, fliegen aus den Werbe­platt­for­men. Diese Erkenntnis kommt sehr spät. Erst die US-Wahl hat das Silicon Valley wachgerüttelt. Doch Brexit und Trump lassen sich nicht einfach so weg­filtern. Und auch die Verbreiter von Unwahrheiten verschwinden nicht vom Erdboden, indem man sie aus dem Werbenetz kickt.

Die Aufgeklärten unter uns müssen wieder lernen, erfundene von seriösen Nachrichten zu unterscheiden. Fake News werden bewusst als Waffe einge­setzt. Be­kanntlich reagieren wir Deut­sche schnell emotional, sobald Tiere ge­quält und Steuergelder verschwendet werden. Und genau mit diesen The­men schalten Betrüger unseren Verstand gerne aus und das Herz ein. Frü­her haben wir den Bauernfängern die Haus­tür geöffnet oder wurden durchs Telefon über den Tisch gezogen, heute klicken wir »Gefällt mir« oder teilen ungeprüft Falschmeldun­gen mit Freunden.

In der analogen Welt waren wir am Ende mit dem (finanziellen) Schaden alleine. In der digitalen Welt beteiligen wir uns per Mausklick an einem Großbetrug. Wie verlieren zwar kein Geld, aber Vertrauen. Und am Ende haben wir ein System mitgetragen, in dem Rat­tenfänger an die Macht kommen. Nur weil wir der »gefühlten Wahrheit« gefolgt sind. Nichts gegen Bauchgefühle . . . doch den Verstand können sie nicht ersetzen.


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