Direkter Draht zur Prominenz

Twitter und Facebook haben sich zur Konkurrenz von Nachrichtenagenturen und elektronischen Medien entwickelt.



 

Nutzer können eigene News (Tweets, Mitteilungen) verfassen und publizieren. Diese werden unmittelbar den Perso­nen angezeigt, die dem Sender folgen, und von diesen auch weitergeleitet. Eine Art Schneeballeffekt sorgt dafür, dass auf diese Weise Top-Meldungen entstehen, die auch Perso­nen erreichen, die dem Originalverfasser der Nachricht (noch) nicht folgen.
Vor Social Media war es den »Endverbrauchern« von Nachrichten nicht möglich, Neuigkeiten aus Politik, Sport, Wirtschaft oder Kultur aus erster Hand zu empfangen.

Hierfür waren die Massenmedien als »Zwischenhändler« zuständig, die amtliche Verlautbarun­gen entweder 1 : 1 oder redaktionell angereichert auslieferten. Die Vernetzung der Weltbevölkerung hat dieses System umgekrempelt, mit dem Effekt: Es gibt kein Alleinrecht mehr, weder für das Empfangen von Nachrichten noch für das Senden. Noch besser: Das Empfangsgerät ist gleichzeitig Sender
Am Beispiel von Twitter möchte ich kurz zeigen, dass der Nutzen eines Nachrichtenkanals allein von seiner Einrichtung durch den Empfänger abhängt. Das war früher ähnlich und überschaubar, als man sich für eine bestimmte Tageszeitung oder ein Wochenmagazin entschied und den Programmablauf in Radio und Fernsehen aktiv plante. Heutzutage verhindert die schiere Masse des Angebots einen schnellen Königsweg.

Richtig interessant ist Twitter erst, wenn Prominente selbst kommunizieren. Wird der Kanal vom Management gefüllt, liest sich das auch so und ist entsprechend langweilig. Wie bei Peter Maffay, zum Beispiel: »Peter ist heute Abend beim #Echo2013 in Berlin dabei und in zwei Kategorien nominiert. Um 20.15 Uhr geht’s los! Daumen drücken!« Gähn. Stattdessen würde ich gern so was lesen wie: »23:00. Komme gerade erschöpft von der Bühne. Wer trinkt noch einen Absacker mit mir im Clubkeller, Chausseestraße?«

Um zu erkennen, ob ein Star selbst twittert, reicht meist ein Blick auf die drei Kennzahlen: 1. Tweets, 2. folgt und 3. Follower. Bei Maffay liest sich das so: 49 Tweets, er folgt 3120 Leuten und hat 34 464 Follower. Die drei Ziffern sind für Twitter-Junkys so aufschlussreich wie für Playboys die Maße von Brust, Taille, Hüfte. Beim Maffay-Account verraten sie, dass nur selten etwas vermeldet wird und die Redaktion versucht, jedem Follower aus Dankbarkeit selbst zu folgen. Ein Dialog mit den Fans ist nicht möglich, wird auch nicht angestrebt.

Wenn bei Promis die mittlere Zahl, also die Anzahl der Personen, denen sie selbst folgen, zwei- oder dreistellig ist, liegt nahe, dass sie höchstpersönlich schreiben und die Nachrichten der Menschen lesen, denen sie folgen (Dialog) … insbesondere dann, wenn die Menge der Tweets vierstellig und höher ist. Hier eine Reihe mit Beispielen von echten Promi-Twitterern: Danny DeVito (6348 – 13 – 2 818 548), Alicia Keys (4270 – 411 – 16 449 432), Eva Longoria (6444 – 541 – 6 512 312), Carl Icahn (20 – 8 – 77 946), Jan Josef Liefers (1642 – 112 – 38 223), Boris Becker (11 912 – 728 – 232 473).

Der mächtigste Twitterer in diesen Beispielen ist zweifellos der US-Multimilliardär und Großinvestor Carl Celian Icahn, der sich trotz strenger Aktiengesetze nicht scheut, kursrelevante Nachrichten zu twittern. Beispiel: »Had a nice conversation with Tim Cook today. Discussed my opinion that a larger buyback should be done now.« Das war am 22. August 2013. In derselben Stunde stieg der Börsenwert von Apple um 4 Milliarden Dollar.

Twitter wird also richtig interessant, wenn Prominente gegen Gesetze, PR-Regeln und Management-Maulkörbe verstoßen. Vier Wochen vor Veröffentlichung ihres neuen Albums En­de September gewährte Cher ihren Fans einen Blick hinter die Kulissen des Shootings fürs Albumcover. In 3 Tweets veröffentlichte die 67-jährige Musikerin Fotos, die zeigen, wie aus einem ziemlich normalen Bild ein geschöntes Porträt wird, das sie 30 Jah­re jünger aussehen lässt. Das ist ehrli­che Kommunikation, direkt aus dem Tagebuch einer Künstlerin.
Wunderbare Zeiten sind das heute für echte Fans. Kein Vergleich zu den 1970er Jahren, als ich mich mit der monatlich erscheinenden »Sounds« und dem teuren Importblatt »New Musical Express« informieren musste.

 




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