Diktat der Werbung

Immer mehr Bandenwerbung . . . »Warum verknappt ihr nicht einfach die Flächen?«, fragt unser Kolumnist Jürgen Siebert.



Foto: Norman Posselt

Ob man Werbung per Gesetz ein­däm­men müsse, fragten mich vor Kur­zem Redakteure von »Brut«, dem am Fach­be­reich Kommunikationsdesign der Ber­liner Hochschule für Technik und Wirt­schaft entstehenden »Hyper Vi­deo Magazin«. Nach einem kurzen »Nein, nicht nötig« hat mich die Frage am nächs­ten Tag noch mal beschäftigt. Wenn sie im Sinne von »Brauchen wir mehr Reg­lementierung für Werbung im öffent­li­chen Bereich?« gedacht war, stehe ich zu meiner Antwort. Ich denke, dass es aus­reichend funktionierende Vor­schrif­­ten gibt, um die Menge der Werbung im öffentlichen Raum zu begren­zen. Auch beim Auto- oder U-Bahn-Fahren füh­le ich mich nicht belästigt von Werbeflächen . . ., die natür­lich in den Zentren von Großstädten massi­ver auftre­ten als in Wohngebieten: mehr Passan­ten, mehr Werbung.

Störend finde ich jedoch die Partei­werbung vor Wahlen. Hier funktionie­ren weder die Spielregeln für die zu nutzenden Flächen noch die Briefings von Werbeagenturen sowie Plakatklebern. Da werden ganze Baumreihen und Grün­streifen – wie Sitzreihen im Parla­ment – mal komplett an die eine, mal an die andere Partei vergeben – sicherlich nach einem bis zum allerletzten Stamm auf­geschlüsselten Proporz-Masterplan.

Nur so kann ich mir erklären, warum ich auf einer Straßenlänge von 300 Metern 20 Mal vom selben Politikergesicht angegrinst werde. Spätes­tens beim nächsten Weg zur Arbeit nervt das gewaltig, und dieser Spießrutenlauf dauert ganze sieben Wochen. Dabei würden Agenturen für die Plakatierung an einer Allee garantiert wun­der­bare zusammenhängende oder sich er­gänzende Motive entwickeln. Man müsste sie nur lassen. Doch ich neh­me an, dass das Briefing für eine Wahl­werbung kaum ideenreicher ist als ein Gesetzesentwurf in dritter Lesung. Kreativität und mehrheitliches Abstimmen vertragen sich erwiesener­maßen nicht.

Zum Glück finden solche Wahlen im Durchschnitt nur alle zwei Jahre statt. Ganz anders Sportwettkämp­fe. Und damit komme ich zu einem eher unerfreulichen Werbeumfeld. Es gibt Sport­arten, deren Spielflächen und Bekleidungen mit Firmen­lo­gos übersät sind. Vor zehn Jahren habe ich mich anlässlich der Handball-WM in Deutschland schon einmal im Fontblog darüber aufgeregt, wie entstellt diese Sportart ist, mit zwölf Werbeflächen für sechs Spon­soren auf dem Spielfeld . . . sogar die Schiedsrichter sind gesponsert.

Der Fußball ist noch nicht so weit, aber auf dem Weg dorthin. To­re und Fouls werden in den Stadien von Fluggesellschaften und Krankenversicherungen präsentiert – geschenkt. Die ersten fünf Bun­des­­liga-Mannschaften haben Ärmelsponso­ren einge­führt – nicht geschenkt. Die Bandenwerbung wird immer auffälliger animiert – eben­falls nicht geschenkt. In einigen Fußballarenen ist sie bereits zwei­stö­ckig – was soll das? Man könnte auch gleich vor leeren Rängen spielen und die Werbung bis unters Stadion­dach türmen – könnte mehr bringen als die Ticket­einnahmen.

Dem Fußball geht es sehr gut. Warum dann jeden Quadratzentimeter vermarkten?

Eine alte Wirtschaftsregel besagt, dass Verknappung die Preise in die Höhe treibt. Vielleicht sollten sich der Deutsche Fußball-Bund und die Vereinsmanager einfach mal an dieses alte kapitalistische Gesetz erinnern, an­statt je­den Quadratmeter ihres Sports zu verkaufen. Wie wäre es denn mit lediglich einem Logo auf der Kleidung, dieses aber zum höheren Preis, weil exklusiv? Statische Bandenwerbung (auf nur einer Ebene) wäre der stärks­te Kontrast zum bewegten Spiel und damit viel auffälliger als alle Anima­tionen, die lautlos, aber ohne Pause »Hier bin ich« rufen.

Ich finde es bedauerlich, wenn Managern, die ein Produkt entwickeln und erfolgreich machen sollen, nichts anderes einfällt, als die Räume und Flächen dieses Produkts immer mehr ein­zuengen. Ich meine: Wir reden von der weltweit beliebtesten Sportart mit großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Und immer noch hoher Beliebtheit. Warum müssen sich dann die Mannschaften der Ersten und Zweiten Bundesliga vermarkten wie ein Provinzclub? Wo bleibt das Selbstbewusstsein in dieser komfortablen Situation?


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