Darf man Weltliteratur als Comic umsetzen?

Von Goethe über Kafka bis Camus: Kaum eine literarische Größe wurde in den letzten Jahren von einer Umsetzung als Graphic Novel verschont. Wir lästern mal über diesen Trend ordentlich ab.  



 
 
Von Goethe über Kafka bis Camus: Kaum eine literarische Größe wurde in den letzten Jahren von einer Umsetzung als Graphic Novel verschont. Wir lästern mal über diesen Trend ordentlich ab.  
 

Stellen Sie sich vor, Sie könnten einigermaßen zeichnen und wollen unbedingt einer dieser angesagten Graphic Novels machen. Ihr Leben und ihr Umfeld sind aber so langweilig, dass Ihnen dazu einfach keine gute Story einfällt. Da liegt doch näher, was Erprobtes zu nehmen, nämlich ein Werk der Weltliteratur!

 

Was zudem den Vorteil hat, dass das ganze Feuilleton parat steht, wenn Namen wie James Joyce, Franz Kafka oder Stefan Zweig fallen. Sogar TV-Teams laufen gelegentlich auf, um den Künstler bei dieser so wichtigen Aufgabe zu beobachten. Denn wer sich an so große Namen wagt, muss ja selbst ein Künstler sein, oder?

 

Nö, leider nicht. Viele Literaturadaptionen der letzten Jahren zeigen, dass die Zeichner ihre Vorbilder unter- oder sich selbst überschätzen. Schonmal das Wort kongenial gehört? Es bedeutet, dass man mindestens annährungsweise ein Siebenundfünzigstel so genial sein muss wie das Vorbild, das man umsetzen will. Je genialer dieses ist, desto schwieriger also – nicht umgekehrt (= je berühmter mein Stoff, desto weniger fällt auf, dass meine Bilder dagegen mächtig abfallen …)

 

Natürlich gibt es kongeniale Umsetzungen. Lustigerweise kommen einige der besten von der Edition Büchergilde, die gezielt Illustratoren ohne Graphic-Novel-Erfahrung etwa mit der Umsetzung von E.T.A. Hoffmanns »Fräulein von Scuderi« (Drushba Pankow, leider nicht mehr lieferbar) oder Arthur Schnitzlers »Traumnovelle« (Jakob Hinrichs) beauftragte.

 

Ein anderer Fall ist der Österreicher Nicolas Mahler, der sich mit viel (Selbst-)Ironie schwierige Landsleute wie Thomas Bernhard oder Robert Musil vorknöpft. »Man kann Mahlers Mann ohne Eigenschaften zwar in einer halben Stunde lesen. Aber man wird es immer wieder tun«, so ein Rezensent. In seiner neuen autobiographischen Comic-Sammlung »Franz Kafkas nonstop Lachmaschine« macht sich Mahler über die Germanisten lustig, die auf »Rassentrennung« zwischen hehrer Kunst und Comic pochen. Nachdem er als Guru vor seinen Anhängern für die Bastardisierung gepredigt hat, gibt sein gezeichnetes Ich aber später beim Bierchen mit dem Kumpel zu: »Eigentlich finde ich die meisten Literaturadaptionen ja selbst auch Scheisse« (die ganze, sehr lustige Passage zum obigen Panel gibt’s in der Bildergalerie).

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst in PAGE 5.2014 in unserer regelmäßigen Rubrik »Moralfrage«. Nicolas Mahler ist am Mittwoch, dem 14. Mai, ab 20 Uhr im Literaturhaus München, wo er mit Gottfried Gusenbauer, Direktor des Karikaturmuseums Krems, und dem Publikum über die tiefschürfenden Fragen aus »Franz Kafkas nonstop Lachmaschine« diskutiert. 
 



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